bekommt uns nicht immer gut.
Was meine ich damit? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zuerst eine andere stellen: Was macht unser Leben überhaupt zu einem privilegiertem?
Naja, alleine schon die Tatsache, dass wir ein Dach über dem Kopf haben. Ein Zuhause. Ich spreche und schreibe hier oft über Safe-Space-Zuhause und wie wichtig das ist. Dabei vergessen wir schnell, dass es nicht für jeden Menschen selbstverständlich ist, überhaupt ein Zuhause zu haben. Obwohl wir es in nächster Umgebung sehen und erleben. Die Augen davor zu verschließen, ändert nichts daran. So gehört es doch zur Normalität, obdachlose Menschen in den Städten zu sehen. Die meisten von uns wurden sicher schonmal nach einem Euro gefragt oder haben zumindest jemand Bedürftiges am Rand der Fußgängerzone sitzen sehen. Vielleicht auf einer Pappe oder einem Schlafsack, ein Becher davor mit ein paar großzügig gespendeten Cents drin.

An dieser Stelle ist ganz oft der erste Gedanke „ja klar sieht man das, aber damit hab ich doch nichts zu tun“. Warum ist die Hemmschwelle so groß, Menschen wie Menschen zu behandeln? Warum mit abgewandtem Blick daran vorbeigehen, als würde der/ diejenige nicht existieren? Weil es elendig aussieht, dreckig, armselig? Nun ja, das ist es.
Es ist arm und elendig, auf der Straße zu leben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man diesen Weg aus purer Freude daran freiwillig wählt. Dreckig ist es ohne Zweifel auch. Körperhygiene ist das für unsere heutigen Ansprüche sicher nicht. Aber was macht das mit dem Menschen? Mindert es seinen Wert? Gehört er/ sie dafür bestraft, uns einen ungewollten Anblick zu bescheren? Oder wenden wir vielleicht den Blick ab, verdrängen den Gedanken daran schnell wieder, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen?
Und das ist der Punkt, an dem ich viele sagen höre „in Deutschland muss niemand auf der Straße leben- nicht mein Problem, wenn sich jemand nicht im Griff hat“. Bei solchen Äußerungen habe ich einen dicken Kloß im Hals. Nein, es muss theoretisch niemand auf der Straße leben. Praktisch und realistisch sieht es jedoch völlig anders aus: Wem es psychisch schlecht geht, wer täglich darum kämpft, nicht zu erfrieren oder zu verhungern, wer keinerlei Unterstützung hat, der füllt nicht mal eben beim Amt zig komplizierte Anträge aus.
Nächster Einwand: „Die nehmen doch eh alle Drogen. Dafür gebe ich kein Geld.“ Tatsächlich ist der Anteil der Alkohol- oder Drogenabhängigen unter den Wohnungslosen sehr hoch. Und warum? Sicher nicht, weil dieses Leben so schön ist. Wenn Menschen echte Verzweiflung erleben und die Hoffnung verlieren, kann man es ihnen dann zum Vorwurf machen, dass sie sich betäuben und es nüchtern oder clean nicht aushalten? Jeder hat seine Geschichte, seine Erlebnisse und Erfahrungen- du weißt nicht, welche es bei anderen Menschen sind. Du weißt nicht, wie er/ sie dort gelandet ist. Auf der Straße, außerhalb der Gesellschaft. Und vielleicht geht es dich auch nichts an. Wenn du ein bisschen Kleingeld in den Becher wirfst, ist der Empfänger nicht dazu verpflichtet, sich vor dir zu rechtfertigen. Aber es ist menschlich.
Es tut weh, von allen verachtet und gemieden zu werden, wie Abschaum behandelt und nicht einmal angesehen zu werden. Was kostet es dich, einfach freundlich und menschlich zu sein?
„Ach und du rettest alle, und gibst jedem Geld?“ Nein, ich rette nicht die Welt. Aber ich kann durch Kleinigkeiten viel bewirken.
Tamara schlendert fast täglich mit ihrem Becher still und leise durch die Fußgängerzone. Sie fragt nie aktiv nach Geld, weil ihr das peinlich ist. Sie ist darauf angewiesen, dass freiwillig ein paar Münzen angeflogen kommen. Im Idealfall kann sie sich davon abends ein Bett in einer Obdachlosenunterkunft leisten, die sind nämlich nicht gratis. Für Frauen gibt es allerdings nicht viele und die sind dann meist schon ausgebucht. Draußen zu schlafen, ist gefährlich. Nicht nur im Winter wegen der Kälte, sondern auch wegen Überfällen. Aber daran hat sie sich längst gewöhnt. Sie ist Anfang 30, sieht aus wie 55. Schlechte Zähne, fahle Haut, schmutzige Hände. Wenn Kleingeld im Becher landet, kauft sie sich lieber einen heißen Kakao als Zahnpasta. Beides geht meistens nicht.
Heiko sitzt machmal vor dem einen Supermarkt, manchmal vor dem anderen. Er hat Glück, er darf in irgendeiner Garage schlafen. Immerhin geschützt aber der Boden ist genauso kalt wie draußen. Er hat einen dünnen Schlafsack, der ohne Isomatte kaum etwas bringt. Die wurde ihm gestohlen. Die Wolldecke auch. Heiko raucht und schafft es nicht, aufzuhören. (Das geht vielen so und dafür muss man nicht obdachlos sein.) Da er also Zigaretten kaufen muss, wenn er nicht grade mal eine geschenkt bekommt, hat er von seinen paar Münzen kaum welche für Essen und Trinken übrig. Er wird dünner und dünner und ist oft krank. Letztes Jahr mit der Lungenentzündung im Spätherbst, da war es echt kritisch.
Das sind nur 2 von tausenden Beispielen. Diese Geschichten habe ich mir nicht ausgedacht. Jedes Mal sagen sie nach wenigen Minuten meiner Aufmerksamkeit „Danke fürs Zuhören!“ weil das etwas besonderes ist, wenn es einem selten widerfährt. Ich schreibe das hier nicht, um mich für meine guten Taten zu rühmen, sondern um darauf aufmerksam zu machen, wie einfach es ist. Einen Teil meiner Einnahmen investiere ich immer wieder in warmen Kaffee oder Kakao, Decken, Isomatten, Winterkleidung, Essen und was grade am dringendsten fehlt. Aber was am Ende die größte Dankbarkeit auslöst, ist ein paar Minuten Gespräch auf Augenhöhe.
Ein privilegiertes Leben bekommt uns nicht immer gut, weil wir blind werden für das Leid, das es eben auch gibt.
gez. Katharina
Schreibe einen Kommentar